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Als Garn sprechen lernte

Die Soldaten beachteten sie nicht.

Sie saß dort, wo Frauen seit jeher saßen. Am Fenster, an der Straße. Nahe den Eisenadern der Eisenbahnlinie. Ihre Hände waren beschäftigt, ihr Blick sanft. Liebe lag in ihren Augen. Das leise Klicken und Klappern der Nadeln klang wie Regen auf dem Schiefer von Bethesda. In Wales hätte man es Cynefin genannt, die Geborgenheit des Vertrauten. In Galicien, wie es seit jeher üblich ist. Magisch, geheimnisvoll und achtsam.

Stricken war älter als Imperien. Deshalb funktionierte es. Ich habe die Kunst des Strickens schon immer geliebt.

Während der beiden großen Kriege, die Europa zerrissen, wurde Garn zu einer Sprache. Frauen wurden zu ihren Bewahrerinnen, besonders die älteren. Während Stiefel marschierten und Motoren dröhnten, beobachteten sie das Geschehen. Und während sie zuschauten, strickten sie.

Die Züge und der Faden

In Belgien, wo sich Nebel wie ein Schal über die Gleise legte, nahmen ältere Frauen ihre Plätze in der Nähe der Bahnhöfe ein. Die Deutschen beachteten sie nicht. Welche Gefahr konnte schon von gebeugten Rücken und Wolle ausgehen?

Doch jeder Zug sprach.

Truppenwagen ratterten anders als Versorgungswagen. Panzerstahl ächzte unter seinem eigenen Gewicht. Die Frauen zählten, ohne zu zählen, erinnerten sich, ohne zu schreiben.

Eine linke Masche … erhaben, rau wie ein Stein auf der Straße … konnte Soldaten bedeuten.
Eine fallengelassene Masche, eine kleine Wunde im Stoff, konnte Waffen oder Brennstoff bedeuten. Der Rhythmus war wichtig. Der Abstand war wichtig. Die Stille war am wichtigsten.

Am Abend trug ein Schal die Spuren des Tages in sich. Am Morgen war er verschwunden. Er wurde von Hand zu Hand weitergereicht wie Brot oder Gebet. Er wurde von denen entschlüsselt, die dem Stoff zuzuhören wussten.

Zwei Stiche, unendliche Bedeutung

Stricken basiert auf Gegensätzen: glatt und rau, vorwärts und rückwärts, Anwesenheit und Abwesenheit. Wie Ebbe und Flut. Wie Punkt und Strich.

Mit nur rechten und linken Maschen verwandelten Frauen Wolle in Binärcode, in Morsezeichen, in Erinnerung. Botschaften blieben verborgen, nicht weil sie geheim waren, sondern weil niemand ahnte, dass sie Botschaften sein könnten.

Das war Steganografie, auch wenn niemand diesen Begriff benutzte. Es war die alte Magie: die Wahrheit im Alltäglichen zu verbergen.

Ein Fäustling konnte eine Landkarte enthalten.
Ein Pullover konnte eine Warnung enthalten. Ein Schal konnte die Last eines ganzen Dorfes tragen.

Die Frauen, die es trugen

Phyllis Latour Doyle fiel vom Himmel ins besetzte Frankreich. Sie war eine britische Agentin mit Nerven wie Draht und einer angeborenen Schweigefähigkeit. Wie viele Frauen strickte sie in der Öffentlichkeit. Verschlüsselte Botschaften, hauchdünn und scharf wie Salz, waren um eine Nadel gewickelt, die in ihrem Haar verborgen war. Wer sie sah, sah nichts.

Andere knüpften Knoten statt Maschen. Andere versteckten Nachrichten in Wollknäueln. Lange bevor Radios knisterten und Satelliten zusahen, handelte Molly Rinker während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ähnlich. Sie warf in Wolle gewickelte Botschaften wie Opfergaben ins Meer von Klippen.

Diese Methode hielt sich, weil sie von Frauen praktiziert wurde und Frauen übersehen wurden.

Als die alten Wege gefährlich wurden

Schließlich begriffen es die Behörden, so wie Tiere das Wetter spüren.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Export von Strickmustern über die Grenzen verboten. Selbst Anleitungen gerieten in Verdacht. Nicht einmal Wolle durfte mehr frei transportiert werden. Das Imperium hatte zu spät erkannt, dass das, was man stets als alltäglich abgetan hatte, in Wirklichkeit subversiv war.

Eine Nadel ist schließlich eine Art Klinge.

Was übrig bleibt

Manche Geschichten sind mit Moos und Legenden überzogen. So ist das mit alten Erzählungen. Doch genug ist wahr, genug ist bewiesen, um Folgendes zu wissen:

Der Widerstand schrie nicht immer. Oft summte er.

Er rannte nicht immer. Oft saß er still.

Er lebte in Händen, die sich daran erinnerten, wie man aus fast nichts etwas erschaffen kann. Er lebte in Geduld, im Beobachten, im stillen Trotz, weiterzumachen wie bisher.

In Wales sagt man „gwrando’n astud“ … genau hinhören.

In Galicien sagt man „escoitar co corazón“ … mit dem Herzen hören.

Diese Frauen taten beides.

Und während die Welt brannte, webten sie ihre Geheimnisse in Stoff ein. Sie vertrauten darauf, dass irgendjemand irgendwo die Botschaft des Garns zu lesen vermochte.

Wo wären wir ohne mutige Frauen?